Ja, es ist nicht einfach als Vegetarier hier in Korea. Vor allem stösst es hier noch weniger auf Verständnis, das Beste an der ganzen Mahlzeit
zu verschmähen: der Grund in ein Bulgogirestaurant zu gehen, Hunde zu schlachten oder Schneckenhäuschen auszusaugen... So bleibt mit meist nur die Auswahl zwischen Bibimbab und Bibimbab. Und
ach ja, bibimbab ; ) "Sorry, I'm vegetarian." "Ah, ok, but what about ham?" (Schinken also kein Fleisch in Korea? Ahhh sieht ja auch nicht so aus, diese Scheiben, kann ja nicht so am
Tier wachsen...) Aber anyway. Zumindest meine ajuma habe ich nun so weit, dass sie mir immer gleich das Tofu hinschiebt.
Das Thema Fleisch scheint zur Zeit jedoch die ganze Nation zu bewegen. Einerseits herrscht von Regierungsseite eine seltsame Stille, was das einstige hot topic "Vogelgrippe"
anbelangt. Obwohl zumindest die englische Presse seit 3 Wochen über neue Ausbrüche und die Ausweitung des Virus' berichtet, bleibt die Webpage des zuständigen Ministeriums
merkwürdig ausser "update". Klar, vielleicht ist sie es in der koreanischen Version. Aber dennoch; noch bleibt ein offizielles statment aus. Gemäss heutigen Berichten
soll das Virus die suburb von Seoul erreicht haben. Und keiner rührt sich.
Auf der anderen Seite protestiert Korea. Es will kein amerikanisches Rindfleisch essen. Der neue Präsident hat nach einer langwierigen Verhandlungsphase (seit Mai 2007!) rund
um das Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten endlich eingerenkt,ab mitte Jahr Rindfleisch aus den USA auf dem koreanischen Markt zuzulassen. SKANDAL! Schliesslich sind in den
letzten 5 Jahren ganze 2 Fälle von BSE in den USA aufgetaucht. Die ganze Hysterie, die bereits öffentliche Proteste nach sich gezogen hat, ist auch mit vegetarischem Verstand nur schwer
nachvollziehbar. Schliesslich ist die USA selbst für paranoide Kontrollen bekannt - und hat für die Koreaner mehrfach die Unbedenklichkeit des Fleischgenusses abklären lassen. Da kommt ein
zweifacher Verdacht auf: wie war das noch mal mit dem Protektionismus für der eigenen Landwirtschaft? Und ach ja, es hat sich in der Geschichte der jungen Demokratie schon mehrmals wiederholt:
zuerst einen Präsidenten überdeutlich wählen, dann ihm aber innerhalb kurzer Zeit kräftig gegen das Schienbein treten, dass er nur ja nicht übermütig wird (bereits der vorhergehende Präsident war
bald nach seinem Amtsantritt mit einem impeachment-Verfahren konfrontiert worden). Tatsächlich ist es aber nicht ratsam, mit dieser Ansicht an einen Koreaner heranzutreten - erst recht nicht mit
"aber findest Du das nicht etwas übertrieben..." Tatsächlich ist dieses Thema sensibel mit Bedenken um die Gesundheit verbunden, vielleicht so wie wir das mal mit den Mobilfunkantennen waren -
die Hysterie war auch schon schlimmer, nicht war? Also - lieber diplomatisch schweigen.
Ja und dann - die Cervelatkrise. Es tut mir aufrichtig leid für alle patriotischen Grillmeister. Aber als ich heute diesen Artikel "Cervelat in Gefahr" entdeckte, musste ich doch ein paar
Mal den Kopf schütteln. Ich dachte, das Thema sei im Kopf-Tuch-Skandal und Drama Widmer-Schlumpf untergegangen. Aber nicht in der Zeitschrift für Auslandschweizer - schliesslich geht
es um nationale Fundamente. Aber: Taskforce Cervelat? Standardgrösse? Die Wurst lässt sich mit Därmen aus Uruguay schlechter schälen? (ist man die nicht mit Haut?) Suche nach
Notlösungen? Und man stelle sich vor: die EM, oder geschweige den ersten August ohne Cervelat! Bitte? Staatskrise? Man kann ja lange die Koreaner belächeln, aber das scheint mir doch auch
eher fragwürdig. Sogar ein Deutscher Kollege fand es die Mühe wert, mir zum "Aussterben der Nationalwurst" zu kondolieren... Jaja, ich weiss, ich kann ja nicht mitreden. Aber kann man nicht
vielleicht die St. Galler Bratwurst zur neuen Nationalwurst machen?
Puh nach so viel Fleisch hab ich nun echt Lust auf ein bisschen Schokolade: Kein BSE. Keine "avian flu". Und schmeckt auch ohne brasilianischen Rinderdarm.